Wie du weißt bin ich ein großer Freund der Bricollage. Ich zerlege Dinge gerne und setze sie wieder zusammen, wie ich es für passend erachte. Daher wage ich in diesem Brief ein kleines Experiment! Kennst Du die Basis des nachfolgenden Textes?
„Über zwei Jahre hat das Schicksal den heutigen Machthabern zu ihrer Erprobung und Bewährung zugemessen. Das schärfste Urteil sprechen sie sich aber, indem sie durch die Art ihrer heutigen Propaganda das Versagen ihrer Leistungen selbst bekennen. Sie wollten einst Österreich für die Zukunft besser regieren als in der Vergangenheit und können als Ergebnis ihrer Regierungskunst in Wirklichkeit nur feststellen, daß Österreich und das österreichische Volk noch immer leben.
Sie haben in den Novembertagen ‘08 feierlich versprochen unser Volk, und insbesondere den Mittelstand einer besseren wirtschaftlichen Zukunft entgegenzuführen. Sie können heute, nachdem sie nahezu zwei Jahre Zeit zur Erfüllung ihres Versprechens hatten, nicht einen einzigen Sub-Management-Berufsstand als Zeugen für die Güte ihres Tuns anführen. Der Student verelendet, der Mittelstand ruiniert, die sozialen Hoffnungen vieler Millionen Menschen vernichtet, ein Drittel aller im Erwerbsleben stehenden Männer und Frauen ohne Arbeit und damit ohne Verdienst, der Bund, die Kommunen und die Länder überschuldet, sämtliche Finanzen in Unordnung und alle Kassen leer. Was hätten sie überhaupt noch mehr zerstören können? Das schlimmste aber ist die Vernichtung des Vertrauens in unserem Volk, die Beseitigung aller Hoffnungen und aller Zuversicht. In zwei Jahren ist es ihnen nicht gelungen, die in unserem Volk schlummernden Kräfte irgendwie zu mobilisieren. Im Gegenteil.
In ihrer Angst vor dem Erwachen der Nation, haben sie die Menschen gegeneinander ausgespielt, die Stadt gegen das Land, den Angestellten gegen den Beamten, den Handarbeiter gegen den Arbeiter der Stirne, den Linken gegen den Rechten, den Studenten gegen den Arbeitslosen und so fort und umgekehrt. Der Aktivismus unserer Bürger wurde nur im Inneren verbraucht, nach außen aber blieben Phantasien übrig, phantastische Hoffnungen auf Kulturgewissen, Menschenrecht, Weltgewissen, Landeskonferenzen, EU, Abschiebungen, Kapital, mediale Solidarität und so weiter, und die Welt hat uns dementsprechend behandelt. So ist Österreich langsam verfallen und nur ein Wahnsinniger kann hoffen, daß die Kräfte, die erst den Verfall herbeiführten, nunmehr die Wiederauferstehung bringen könnten. Wenn die bisherigen Parteien Österreichs ernstlich retten möchten, warum haben sie es dann nicht schon bisher getan? Haben sie aber Österreich retten wollen, weshalb ist es unterblieben? Haben die Männer dieser Parteien es ehrlich beabsichtigt, dann müßten ihre Programme schlecht gewesen sein. Waren aber ihre Programme richtig, dann können sie selbst es nicht aufrichtig gewollt haben oder sie waren zu unwissend oder zu schwach. Nun, nach zwei Jahren, da sie alles in Österreich vernichteten, ist endlich die Zeit ihrer eigenen Beseitigung gekommen. Ob die heutigen parlamentarischen Parteien leben, ist nicht wichtig, aber notwendig ist es, daß verhindert wird, daß die österreichische Nation vollkommen zugrundegeht.
Vor Jahren wurden wir Anarchisten verspottet und verhöhnt, heute ist unseren Gegnern das Lachen vergangen. Eine gläubige Gemeinschaft von Menschen ist erstanden, die langsam die Vorurteile des Klassenwahnsinns und des Standesdünkels überwinden wird. Eine gläubige Gemeinschaft von Menschen, die entschlossen ist, den Kampf für ihre Haltung und ihre Mitmenschen aufzunehmen, nicht weil es sich um Linke oder Rechte, Wiener oder Tiroler, Studenten oder Arbeitslose, Arbeiter oder Beamte, Bürger oder Angestellte und so weiter handelt, sondern weil sie alle Menschen sind. Mit diesem Gefühl der unzertrennlichen Verbundenheit ist die gegenseitige Achtung gewachsen. Aus der Achtung aber kam das Verständnis, nach dem Verständnis die gewaltige Kraft, die uns alle bewegt. Wir Anarchisten marschieren daher auch in jede Wahl hinein, mit dem einzigen Bekenntnis, am nächsten Tage die Arbeit wieder erneut aufzunehmen für die innere Reorganisation der Intelligenz. Denn nicht um Mandate oder Ministerstühle kämpfen wir, sondern um den Menschen, den wir wieder zusammenfügen wollen und werden, zu einer unzertrennlichen Schicksalsgemeinschaft. Der Allmächtige, der es bisher gestattete, daß wir in vielen Jahren von 2 Mann zu Tausenden wurden, wird es weiter gestatten, daß aus den Tausenden dereinst ein freies Volk wird. An dieses Volk aber glauben wir, für dieses Volk kämpfen wir und für dieses Volk sind wir wenn nötig bereit, so wie die Tausende der Kameraden vor uns, uns einzusetzen mit Leib und mit Seele. Wenn die Bewegung ihre Pflicht erfüllt, muß dann einst ein Tag erstehen, der uns wiedergibt eine Welt der Ehre und Freiheit, Arbeit und Brot.“
Ist es nicht interessant, wie austauschbar Worte sind? Ein paar kleine Korrekturen und die Botschaft ist eine völlig andere. Seit Jahrzehnten fallen leere Worthülsen, wo bleibt die Tat? Ich werde ungeduldig. Du warst ja auf dieser Demonstration am Samstag, wie ist es euch ergangen? Denkst Du, ihr habt etwas bewegt?
Ich denke nicht.
Die Demonstration ist ein probates Mittel seinen Unmut kund zu tun - sofern das Regime das erlaubt! Ist das nicht zynisch, dass jenes Regime, welches die Verfassung, auf der das Demonstrationsrecht basiert, erschaffen hat, die selben sind, die erlauben dürfen, ob man gegen sie aufstehen darf? Denen ist es doch egal, ob vor ihren Toren 10 oder 10.000 stehen - Solange nur gerufen wird, verhallt der Zorn ungehört in den Hallen der Administration.
Als ich im September Alec Empire für VICE interviewed habe, sagte er den passenden und klugen Satz: „Die Regierung administriert das Volk, nicht umgekehrt.“ Damit hat er völlig recht. Das Volk hat vergessen, dass sie die Macht über die Regierung haben, nicht umgekehrt. Was würde das Regime denn machen wollen? Das Militär schicken? Um das eigene Volk zu beschiessen? Für so dumm halte nicht einmal ich sie.
Kamerad, es ist an der Zeit zu handeln. Wir müssen konkrete Pläne schmieden, wie wir das Konzept umsetzen und in den nächsten Jahren unbeirrbar zum Erfolg führen, dass die Angstmacher und Blender verjagt werden und freie Menschen aus der Asche erstehen. Wie gesagt, ich werde ungeduldig, da ich schon viele Jahre auf eine Möglichkeit warte, endlich anzupacken.
O. Pryde, 28.11. 2.010